Studie findet bei Menschen mit Hörgeräten ein niedrigeres Demenz-Risiko
Hörgeräte waren in einer Studie mit tieferem Demenz-Risiko verbunden. Ob das aber an den Hörgeräten liegt, ist aber nicht sicher. Foto: Unsplash
Besser Hören, stärkeres Gedächtnis, verbesserte Denkleistung, weniger Demenz-Risiko: Alles nur dank eines Hörgeräts. So zumindest erhoffte es sich die Wissenschaft. Die Monash University in Melbourne hat diese Annahme nun unter der Leitung von Joanne Ryan untersucht.
“Frühere Studien haben gezeigt, dass Hörverlust das Risiko für Gedächtnis- und Denkprobleme, einschliesslich Demenz, erhöhen kann”, sagt Ryan. “Weniger bekannt ist jedoch, wie sich Hörgeräte auf die Gehirngesundheit auswirken.”
Die Forscherinnen und Forscher untersuchten in Australien 2777 Personen, die einen mittelgradigen Hörverlust auswiesen. Die Teilnehmenden hatten zu Beginn der Studie ein Durchschnittsalter von 75 Jahren und keine Anzeichen von Demenz. 664 Personen erhielten Hörgeräte.
Hörgeräte ohne Einfluss auf Gedächtnis
Die Testpersonen wurden sieben Jahre lang begleitet. Sie absolvierten jährliche Gedächtnistests. Die in der Fachzeitschrift Neurology vorgestellten Ergebnisse überraschten: Beide Gruppen zeigten durchschnittlich ähnliche Leistungen. Das Tragen von Hörgeräten war also nicht mit besseren Gedächtnisleistungen verbunden.
Studienleiterin Ryan mutmasst, dass dies an der guten Verfassung der Teilnehmenden liegen könnte. “Ein Faktor könnte sein, dass sie zu Beginn der Studie eine gute kognitive Gesundheit aufwiesen, wodurch das Verbesserungspotenzial durch Hörgeräte geringer ausfiel.“
Weniger Demenz und Abbau mit Hörgeräten
Hingegen zeigte sich, dass die Gruppe mit Hörgeräten ein 33 Prozent tieferes Demenzrisiko auswies. Auch das Risiko für geistigen Abbau war bei den Personen mit Hörgeräten tiefer. Dabei zeigte sich auch, dass eine häufigere Nutzung der Hörgeräte das Risiko stärker senkte.
Studienleiterin Ryan interpretiert die Ergebnisse vorsichtig: “Unsere Studie deutet darauf hin, dass die Verwendung von Hörgeräten bei älteren Erwachsenen mit Hörverlust das Risiko für Demenz und kognitive Beeinträchtigungen senken und somit die Hirngesundheit fördern kann”, sagt sie zwar.
Aber: “Dieser Befund beweist nicht, dass Hörgeräte das Risiko senken, sondern zeigt lediglich einen Zusammenhang auf.”
Es wäre möglich, dass andere Faktoren bei der Gruppe mit Hörgeräten zum tieferen Demenz-Risiko beigetragen haben. Ryan betont deshalb, dass es weitere Studien benötige, um den Zusammenhang weiter zu untersuchen.
Hörverlust führt zu sozialem Rückzug
Das Fisher Center for Alzheimer’s in Australien schreibt, dass sich die Studie bisherige Erkenntnisse bestätige, dass ein gutes Hörvermögen im Alter wichtig sei, um das Gehirn gesund zu halten. Unter den beeinflussbaren Faktoren habe ein schlechtes Hörvermögen einen grösseren Einfluss auf das Demenzrisiko als Rauchen, Bluthochdruck oder Bewegungsmangel.
Weshalb das so ist, konnte bislang nicht exakt nachgewiesen werden. In der Forschung gibt es drei gängige Theorien. Einerseits wird das Gehirn bei Hörverlust wohl überlastet, muss mehr Energie aufwenden und wird stärker beansprucht. Andererseits erhält es weniger Reize und baut deshalb ab.
Zudem gibt es die Theorie, dass Hörverlust zu einem sozialen Rückzug führt. Menschen, die schlechter hören, sind eher mal frustriert oder gestresst, weil sie sich nicht mehr wie gewohnt verständigen können. Sie gehen weniger aus dem Haus, treffen weniger Leute und sind weniger aktiv.
Möglich wäre auch, dass es gar keinen Zusammenhang gibt. Das wird derzeit weiter erforscht. Aktuell geht die Wissenschaft davon aus, dass Hörgeräte die psychische Gesundheit verbessern, geistigen Abbau verringern und das Demenzrisiko senken können. Nachteile gibt es mit der Nutzung von Hörgeräten jedenfalls aus wissenschaftlicher Sicht keine.
Was tun bei Hörverlust
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt ab 50 Jahren alle drei Jahre einen Hörtest zu machen. Oder bei ersten Anzeichen sofort. Hörverlust entwickelt sich oft schleichend. Mit regelmässigen Kontrollen ist eine frühere Erkennung und Behandlung möglich.
Warnsignale sollten ernst genommen werden. Typische Hinweise sind laut der WHO und Fachgesellschaften, wenn Gespräche undeutlich wirken, häufiger um Wiederholung gebeten werden muss, der Fernseher oder das Radio lauter gestellt wird, hohe Töne schlechter gehört werden oder man sich nach Gesprächen erschöpft fühlt. Wenn zwei oder mehr dieser Punkte zutreffen, wird zu einem Hörtest geraten.
Im Schnitt warten die Menschen aber sieben bis zehn Jahre, bis sie Hilfe suchen. Das erhöht das Risiko für sozialen Rückzug, depressive Symptome oder andere Belastungen. Eine frühe Abklärung und Behandlung verbessern die Lebensqualität.
Hörgeräte sind heute klein, diskret und technisch versiert. Sie können teilweise auch mit Smartphones oder Fernsehern verbunden werden, Hintergrundgeräusche ausblenden und sogar Tinnitus lindern. Zudem sind die Geräte oft kostenlos testbar und beim Kauf übernehmen Krankenkassen bei nachgewiesenen Hörverlust einen Teil der Kosten.
Dann braucht es nur noch etwas Geduld, für mehr Lebensqualität. Die Angewöhnung an Hörgeräte ist relativ lang, drei bis sechs Monate sind normal. Wichtig ist, sich die Bedienung richtig erklären zu lassen und die Geräte kontrollieren und anpassen zu lassen, wenn sie falsch eingestellt oder unbequem sind.
Hörverlust bei anderen
Bemerkt man bei einer anderen Person einen möglichen Hörverlust, raten Fachgesellschaften zu sensiblen Formulieren. Anstelle eines “Du hörst schlecht” sei es ratsamer, folgende Sätze zu verwenden: «Mir fällt auf, dass du manchmal nachfragen musst. Wollen wir das mal checken lassen?» oder «Ich mache mir Sorgen, weil gutes Hören wichtig für die Gesundheit ist.»
Viele ältere Menschen schämen sich oder haben Angst vor Stigmatisierung. Zudem schrecken sie vor Technik zurück. Eine Begleitung zum Hörtest oder beim Ausprobieren von Hörgeräten kann helfen.
Fachgesellschaften raten zudem, Menschen mit Hörverlust nicht laut, aber deutlich anzusprechen, den Blickkontakt zu halten, Hintergrundgeräusche zu reduzieren und in kurzen Sätze zu reden. Das entlastet das Gehirn.
Weltweit sind gemäss WHO über 430 Millionen Menschen von einem behandlungsbedürftigen Hörverlust betroffen. Nur jede 4. Person nutzt aber Hörgeräte.
Präventionstipps
Lärm vermeiden: Kopfhörer nicht über 60 % Lautstärke (60-60 Regel: max. 60 % Lautstärke für max. 60 Minuten), Hörpausen einlegen, Gehörschutz bei Konzerten oder in Clubs verwenden.
Ohrhygiene: Keine Wattestäbchen im Ohr. Ohren nicht selbst reinigen. Bei Verstopfung HNO-Praxis aufsuchen. Nasse Ohren vorsichtig trocknen.
Infektionen behandeln: Mittelohrenentzündungen können unbehandelt zu Hörverlust führen.
Kinder impfen: Masern, Mumps und Röteln können Hörverlust verursachen.
Gesundheit stärken: Gefässe im Innenohr sind empfindlich. Bewegung, Stressreduktion, Blutdruckkontrolle und Nichtrauchen hilft auch dem Gehör.
Medikamente prüfen: Einige Medikamente können das Gehör beeinflussen. Bei Unsicherheit: Hals-Nasen-Ohren-Spezialistin oder Hausarzt fragen.
Hörtest: Hörverlust durch Hörtests frühzeitig erkennen. Auch online gibt es empfehlenswerte Hörtests, beispielsweise Pro Audito oder checkhearing.org.
Quellen
Neurology: Treating Hearing Loss With Hearing Aids for the Prevention of Cognitive Decline and Dementia
Press Release: Hearing aid prescriptions not associated with changes in memory and thinking
Fisher Center for Alzheimer’s: Hearing Aids May Lower Your Alzheimer’s Risk
Journal of Alzheimer’s Disease: Hearing Impairment and Cognitive Decline: Alternative Explanations to Causality
WHO: Deafness and hearing loss
ASHA: Hearing Loss
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