Geschlechter spielen für gute Geschichten keine Rolle

woman in reading a book

Ist die Hauptfigur männlich oder weiblich? In der Bücherwelt dachte man bisher, dass Männer lieber männliche Charakteren haben, das stimmt aber gemäss einer neuen Studie nicht. Männer lesen auch gerne Bücher über Frauen. Foto: Unsplash

Lesen Männer lieber Geschichten über Männer? Verlage und ältere Untersuchungen gingen bisher genau davon aus. Doch eine grosse neue Studie räumt nun mit diesem Vorurteil auf. 

Bei guten Geschichten geht es nicht darum, welches Geschlecht die Figuren haben, sondern wie gut und spannend die Geschichte ist. Das gilt für Männer und Frauen.

Für ihre Studie haben die Forscherinnen und Forscher der Cornell University knapp 3000 Teilnehmende rekrutiert. 1490 Männer und 1490 Frauen haben den Anfang von jeweils zwei Geschichten gelesen. Einmal mit männlicher, einmal mit weiblicher Hauptfigur. Die Namen waren neutral (Sam, Alex), nur die Pronomen verrieten das Geschlecht.

Für die Hälfte der Teilnehmenden war die Hauptfigur in der ersten Geschichte über eine Wanderung männlich. In der zweiten Story ging es um ein Café, mit weiblicher Hauptfigur. Für die andere Hälfte der Probanden war das Geschlecht der Protagonisten genau umgekehrt.

Und das Ergebnis dürfte die Verlage überraschen.

Eine gute Geschichte schlägt das Geschlecht

Die meisten Männer in der Untersuchung lasen die Geschichte der Wanderung lieber. Dabei war es praktisch egal, ob die Hauptfigur männlich oder weiblich war. Tatsächlich entschieden sich etwas mehr Männer (76 Prozent) für die Story mit weiblicher Figur, als mit einem Protagonisten (75 Prozent).

Bei den Frauen war der Unterschied etwas grösser. 77 Prozent wählten die Geschichte der Wanderung, wenn Hauptfigur Sam eine Frau war und 70 Prozent, wenn Sam ein Mann war.

“Leserinnen und Leser sind ziemlich flexibel. Sie wollen eine Geschichte weiterlesen, wenn sie interessant ist,” sagt Studienautor Matthew Wilkens von der Cornell University.

Ergebnisse könnten zu mehr weiblichen Figuren führen

Studienautorin Federica Bologna hofft nun, dass ihre Untersuchung zu noch mehr Büchern mit weiblichen Figuren führt. Die Annahmen der Verlage und Lektorate, dass männliche Hauptfiguren beliebter seien, habe sich als falsch erwiesen.

Das ist wohl auch ein Zeichen für Autorinnen und Autoren. Eine sehr lange Zeit wurde die Mehrheit der Bücher von Männern geschrieben, mit mehrheitlich männlichen Figuren. Erst 2020 schrieben die Frauen erstmals die Hälfte der veröffentlichten Bücher bei.

Gut möglich, dass nun auch nochmals mehr Protagonistinnen in den Büchern auftauchen. Denn wie die Studie der Cornell University zeigt, ist das Geschlecht nur zweitrangig. Und: Geschichten, die in der Natur spielen, kommen offenbar besser an als solche in einem Café. Wandern schlägt Kaffeetrinken. Zumindest beim Lesen

Universität will nun auch Videospiele untersuchen

Die Forscherinnen und Forscher schreiben, dass man nun auch untersuchen müsste, ob das Geschlecht der Schreibenden eine Rolle bei der Auswahl der Bücher spielt. In einer Goodreads-Auswertung von 2014, welche die Studie zitiert, war das tatsächlich der Fall. 90 Prozent der von Männern gelesenen Bücher stammten von Männern, 90 Prozent der von Frauen gelesenen Bücher von Frauen.

Zudem könnten auch andere Medienbereiche untersucht werden, empfehlen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cornell University. Beispielsweise die Spieleindustrie. Auch dort gilt die Annahme, dass Männer lieber männliche Charaktere spielen. Geschichten würden heutzutage in verschiedenen Medien erzählt, sagt Wilkens. “Auch in Games wird Storytelling wichtiger. Wir wissen nicht, ob sich unsere Resultate eins zu eins auf Videospiele übertragen lassen, aber es ist wichtig, das zu hinterfragen und zu untersuchen.”

Die Botschaft der Cornell-Studie ist klar: Gute Geschichten funktionieren unabhängig vom Geschlecht der Hauptfigur. Das gilt zumindest fürs Lesen. Und vermutlich auch für Games, Filme, Serien und alles andere, wo Geschichten erzählt werden.


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